Rede des Schulleiters zum Abiball

"Im Dorfe ging ich rum und sagte Tschüß. Das ging fix. Dann kam die Mutter an die Reihe. Das ging nicht fix. Sie sprach: Nu schick dich und schreib mal, wie es dir gehen tut und pass auf deine Hemden und Strümpfe und auch dein Geld auf, dass dir da nichts wegkommt. Dann mein Bruder. Ich sprach: kümmere dich um sie, wenn sie alt wird. Ich will dir auch Geld schicken, dass du ihr Sonntags mal Fleisch kaufen kannst. Er sprach: Da sorg dich mal nicht drum. Als das fertig war schwenkte ich meinen Ranzen auf die Schulter und nahm den Stock meines Vaters. Er hatte seine letzte Reise schon hinter sich. Er brauchte keinen Stützstock mehr. Auf dem Hügel oben stand ich still und sprach zu mir: Du bist den Weg schon mehr als fünfzig mal gegangen. Aber heute ist es anders als sonst. Wie es dir wohl ergehen wird im fremden Lande. Da sind vor dir schon viele in ein fremdes Land gewandert, und ihre Spuren hat der Sand verweht. Ob ich auch mit zwei Kuhherden zurückkomme wie Karl? Wenn's auch bloß eine ist, wie Karls seine zwölf Stück. Aber Karl brauchte auch nicht über das große Wasser. Das war 1868. Ich war neunzehn Jahre alt, und am 20. Juli sollte ich von Hamburg nach Amerika gehen."

Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten, liebe Schulangehörige, liebe Gäste,

diese Geschichte habe ich nicht nur ausgewählt, weil die Hauptperson etwa so alt ist wie die meisten derer, die heute ihr Abiturzeugnis überreicht bekommen, sondern weil sie meines Erachtens ihrer derzeitigen Situation im Wesentlichen entspricht.

Sie sind an einem Punkt im Leben angelang, der mit dieser Abreise nach Amerika vergleichbar ist. Ihr Leben wird sich verändern. Für sie bedeutet das durch Wehr- oder Zivildienst, Studium oder Berufsausbildung die räumliche Trennung von Eltern und Geschwistern, wenngleich das heute nicht mehr so radikal und dramatisch ist wie 1868, in dem Jahr, in dem unsere Geschichte spielt. Sie werden Ihre Familien - und Ihre Familien Sie - jederzeit erreichen können, manchmal mehr, als Ihnen das lieb sein wird. Ich kann Ihre Eltern in diesem Zusammenhang nur bitten: Lassen Sie den jungen Erwachsenen ihre erreichte Selbständigkeit und behindern Sie Ihre Entwicklung nicht durch übertriebene Zuwendung! Seien Sie aber da, wenn Ihre Kinder Sie brauchen - das ist auch Erwachsenenalter noch nötig. Bei einigen von Ihnen wird sich diese Abreise gar nicht räumlich vollziehen. Sie bleiben zu Hause und beginnen von dort einen neuen Lebensabschnitt, sozusagen eine innere Abreise. Wenn ich Sie nun frage, von wo aus Sie abreisen und wohin Ihre Reise gehen wird, so werden Ihre Antworten sehr differenziert ausfallen. Lassen Sie mich für Sie antworten:

Sie verlassen das Paradies und brechen auf zu neuen, eher unbekannten Ufern.

Ich werde nun den Versuch unternehmen, diese These zu beweisen.

Aus dem altpersischen stammend, bedeutet das Wort Paradies die Beziehung für ein umgrenztes oder eingehegtes Gebiet, einen Tier-, Lust- oder Zaubergarten. In diesem Sinne wurde es auch im Griechischen verwendet.

Ganz sicher empfanden Sie Ihr bisheriges Leben nicht immer als Dasein in einem Lust- oder Zaubergarten, wenngleich sich Ihre Lehrerinnen und Lehrer redlich mühten, Ihre Lust im Morgengrauen oder im Mittagstief zu wecken und dabei auch sehr oft zaubern mussten. Ein umgrenztes, eingehegtes Dasein war es allemal. Denn Ihre frühe Kindheit war geprägt von einer umfassenden Fürsorge und Umhegung durch Ihre Familien, auch wenn liebevoll gemeinte Zuneigung gelegentlich einer gewissen Fremdbestimmung gleichkam. In der Kindergarten- und Grundschulphase konnten Sie Ihre Persönlichkeit durch die tägliche Auseinandersetzung mit neuen Anforderungen entfalten. Sie zogen ein in das Haus der Lernens, in dem Sie bis zum heutigen Tage verweilten. Hier trafen Sie auf Menschen, die Ihnen Hilfe und Unterstützung gaben, sich in diesem Haus zu orientieren, die Ihnen zeigten, Richtiges von Falschem, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Menschen die Ihnen aber auch beibrachten, dass es nicht nur schwarz und weiß, gut und böse gibt. Menschen die Sie lehrten, miteinander in diesem Haus und außerhalb zu leben - Ihre Lehrerinnen und Lehrer, meine Kolleginnen und Kollegen, denen ich dafür meinen Dank und meine Anerkennung aussprechen möchte.

In diesem Sinne möchte ich einige Worte des Dankes an alle Wegbegleiter richten. An die technischen Mitarbeiter der Schule, Sekretärinnen, Hausmeister, Küchenpersonal, die für eine angenehme Atmosphäre im Haus sorgten. Und nicht zuletzt an diejenigen, die dafür sorgten, dass das Haus des Lernens im wörtlichen Sinne wohnenswert war.

Angesichts der Tatsache, dass gerade Ihr Jahrgang seit nunmehr vier Jahren dem Sanierungsstress permanent ausgesetzt war, muss man wohl vielmehr sagen: zunehmend wohnenswert wurde. Vielen Dank sehr geehrter Herr Landrat für Ihr vergangenes und auf die Zukunft orientiertes Engagement.

Danke auch Ihnen, liebe Eltern für Ihre Unterstützung, für ihre Kooperationsbereitschaft, Ihre aktive Beteiligung am Schulleben. Sei es als gewählte Elternvertreter, Begleiter bei Klassenfahrten oder konstruktive Gesprächspartner, wenn es um Klärung allgemeiner oder individueller Probleme ihrer Kinder ging.

Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten,

ich hoffe, Sie werden mir irgendwann rückblickend bestätigen, dass unser aller ehrliches Anliegen, Ihnen paradiesische Verhältnisse zu bieten, erfolgreich war.

Lassen Sie uns nun unser doch recht behütetes Haus Schule, "Glückauf" - Gymnasium Dippoldiswalde/Altenberg, unser kleines Paradies, gedanklich verlassen, so wie wir es bereits getan haben, als sie hier in unserer Aula feierlich in die Abiturstufe aufgenommen wurden.

Auf zu neuen, unbekannten Ufern.

Ich möchte einige Passagen meiner Botschaft an Sie, aus eben dieser Feierstunde vor zwei Jahren aufgreifen. Ein Hinweis auf Europa, die Globalisierung und die vielfältigen damit verbunden Prozesse verdeutlicht, was für Sie nach ihrer Schulzeit kommen wird. Stärker denn je herrscht eine europa- und weltweite Konkurrenz um Studien- und Arbeitsplätze. Darauf müssen Sie sich jetzt einstellen. Die Konkurrenz um Arbeitsplätze auf nationaler Ebene hat für ihre Elterngeneration längst vielfältige persönliche Erfahrungen mit sich gebracht. Die Welt ist komplex und ungewiss geworden. Alte Gesellschaften erzeugen ihre Gewissheit, Robustheit und Festigkeit durch unerschütterliches Festhalten an Bewährtem, an bewährten Wegen, Mitteln und Zielen. Zu Zeiten der Inquisition konnte schon eine andersartige, ketzerische Auslegung von Texten den Kopf kosten.

Moderne Gesellschaften zerstören Gewissheiten und schaffen andauernd Neues. Je offener die Zukunft, desto mehr Möglichkeiten bietet sie. Aber ist dieses Ende der Gewissheiten nicht gleichbedeutend mit Offenheit und Offenheit nicht das, was den Anspruch, neue Wege zu gehen, aus Optionen wählen zu können, geradezu herausfordert? Der moderne Mensch, der mündige Bürger, Sie als Student oder Lehrling von heute, sie wollen wählen und selbst entscheiden können und weniger herumkommandiert werden, nicht von Obrigkeiten, nicht nur von Traditionen, im übrigen auch nicht von Lehrern. Eine moderne Gesellschaft, modern im Sinne von aktuell und real, modern aber auch im Sinne von gut und menschlich, verlangt Innovation und Kreativität in allen Lebensbereichen, eine möglichst kontinuierliche Veränderung des Bestehenden. Sie verlangt innovative und kreative Menschen. Erst recht, wenn es sich um künftige Leistungseliten dieser Gesellschaft handelt.

Ich hoffe sehr, liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten, dass es uns in den vergangen Jahren gelungen ist, Sie auf die Reise zu neuen Ufern gut vorzubereiten.

Schlüsselqualifikationen wie Methoden- und Medienkompetenz, wie kann ich mein Wissen managen, wie kann ich mein Wissen für verschiedene Optionen optimal anwenden, wie gelingt es mir komplexe Aufgaben zu lösen, über den Rand des Unterrichtsfaches hinaus zu denken, stehen nicht nur ganz oben auf der Hitliste gymnasialer, wissenschaftspropädeutischer Ausbildung, sondern können heute, sozusagen am Tage der Abrechnung, auf Ihrer "Haben-Seite" klar und deutlich registriert werden. Viele hervorragende Ergebnisse der letzten beiden Jahre stehen hierfür als Beweis.

Eine moderne Gesellschaft, im Sinne von gut und menschlich, braucht Persönlichkeiten, die in der Lage sind, eine zunehmend durch materialisierte Befriedigung gekennzeichnete, fremdgesteuerte Gesellschaft nachhaltig zu verändern, eben menschlicher zu gestalten - sozial kompetent zu sein, ohne Realitäten zu ignorieren. Sozialkompetenzen konnten wir Ihnen nicht in ein paar Unterrichtsstunden vermitteln. Vielmehr waren es die Situationen außerhalb des Klassenzimmers, die Gespräche mit Lehrern, die Momente, in denen Emotionales vor Rationalem rangierte, die Sie in Ihrer sozialen Kompetenz voranbrachten. Und auch in diesem Bereich waren Sie tatsächlich ein "Goldener Jahrgang", wie zuletzt die Fahrt zum Tiefen Bünaustollen nach Zinnwald. Übrigens ein bemerkenswertes Zeichen Ihrerseits, welchen Stellenwert Traditionen und gelebte Traditionspflege an unserer Schule haben. Mein Dank gilt an dieser Stelle auch unserem Schulförderverein, gewissermaßen als einen weiteren Wegbegleiter und seinem Vorsitzenden und ehemaligen Schulleiter Dr. Frank Heyne.

Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten,

abnehmende Eindeutigkeit, zunehmende Optionen in künftigen Gesellschaften. Das kann man beklagen oder begrüßen - aber es sind nun mal wesentliche Begleitumstände unter denen wir uns künftig bewegen und entwickeln und unter denn Sie Ihr Schiff aus dem Paradies zu neuen, unbekannten Ufern und, wie ich Ihnen von Herzen wünsche, in neues Paradies navigieren müssen.

Ich bin davon überzeugt, dass Sie für Ihre Reise gut gerüstet sind und möchte Ihnen zum Abschluss drei Ratschläge mit ins Gepäck geben: Vergessen Sie auf dem Weg vom Woher ins Wohin Ihre Wurzeln nicht. Wenden Sie gelegentlich den Blick zurück und seien Sie auch bei denen, die Sie bis hierher begleitet haben. Gehen Sie ihren Weg zielstrebig und bewusst, auch wenn der Wind in den Segeln zwischendurch nachlässt. Analysieren Sie Ihre Kursdaten und korrigieren Sie, wenn es neue, bessere Möglichkeiten gibt, auch Ihre Ziele selbst. Werden Sie auf Ihrer Route Sie selbst, suchen Sie Ihre eigene Wahrheit und Ihr eigenes Wesen.

Dazu wünsche ich Ihnen im Namen der ganzen Schule alles Gute und viel Glück.

Glück Auf! Ihr Schulleiter Volker Hegewald

Dippoldiswalde, am 08. Juli 2006